Foto: Sechs Assistenten von Behrens am Arbeitsplatz: (von li.)Mies van der Rohe, Meyer, Hertwig, Weyrather, Krämer, Gropius (mit Plan), 1908

 

Uferhallen: Raumerlebnis und elektrische Ikone

Text: Hansjörg Schneider

Die Uferhallen sind ein Ort der Transformation. Im Laufe seiner wechselnden Nutzungsgeschichte wurde das Gelände jeweils aufs Neue den veränderten Anforderungen angepasst. Dabei ist die Bezeichnung Uferhallen vergleichsweise jung. Sie existiert erst seit 2007, als das Land Berlin das Grundstück an die Uferhallen AG verkaufte. Seitdem entwickelte sich ein einzigartiger Kulturstandort. Ungewiss ist noch, wofür der Name Uferhallen in Zukunft stehen wird. Was auf dem Spiel steht, zeigt ein Blick auf Gebäude, Gelände und Geschichte.

Von 1873 bis 2007, also über einen Zeitraum von 134 Jahren, war dieser Ort von zentraler Bedeutung für die Berliner Verkehrsgeschichte. Noch heute kann man entlang der Gebäude die Entwicklung des Pferdebahnhofs mit mehrgeschossigen Ställen und Wagenschuppen, hin zur elektrischen Straßenbahn und weiter zur Motorisierung des Straßenverkehrs ablesen. Die Berliner Verkehrsbetriebe machten den Betriebshof von 1961 an zur Hauptwerkstatt für ihre Omnibusse.

Man sollte sich ausreichend Zeit nehmen. Der Rundgang über die verschiedenen Höfe vermittelt eine Vorstellung von den arbeits- und produktionstechnischen Zusammenhängen. Alles ist noch vorhanden: Schlosserei, Holzwerkstatt, Sägewerk, Lager, Kantine, Verwaltung. Sogar manche Innenräume haben sich kaum verändert. Überall, in den Hallen, Werkstätten und Höfen finden sich bündig im Boden eingepflasterte oder einzementierte Reste von Straßenbahnschienen.

Beeindruckend ist die komplexe Raumabfolge des Geländes. Immer wieder überraschend präsentieren sich die Backsteinbauten und Dachformen in neuen Ansichten und Überschneidungen je nach Standort und Blickrichtung des Betrachters. Das Besondere ergibt sich durch das Ineinandergreifen von bebauter und unbebauter Fläche, von Hallen und Höfen, Kuben und Freiräumen. Jedem interessierten Besucher ist dieser Ort unbeschränkt zugänglich. Die Vergangenheit dieses Denkmals zeigt sich im Kontext einer lebendigen Gegenwart und einer respektvollen Nutzung durch Künstler und kooperierendes Gewerbe.

Ein geschichtsträchtiger Ort: Der Ausbau des Schienennetzes nahm hier seinen Anfang, die erste von Pferden gezogene Straßenbahnlinie verkehrte vom Gesundbrunnen bis zum Rosenthaler Tor, die erste elektrische Straßenbahn fuhr zwischen Gesundbrunnen und Pankow. Die Große Berliner

Pferde-Eisenbahn-Actien-Gesellschaft errichtete ihren Betriebshof seit 1873 zunächst auf dem südlichen Teil der Pankeinsel. Von 1890 an erweiterte man das Areal um die Grundstücke zwischen Uferstraße und Gottschedstraße, verfüllte das nördliche Pankebett. Seitdem trennt die Uferstraße das Areal in der heutigen Form. 1891 entstand der dreistöckige Etagen-Pferdestall, 1898/1910 das Portiergebäude (heute Café Pförtner), 1898 baute Joseph Fischer-Dick die zentrale Sheddachhalle, 1906 kam das Kesselhaus (an die Gottschedstraße grenzend) dazu.

 

Die umfangreichen Um-, Erweiterungs- und Neubauten zwischen den Jahren 1926 bis 1931 tragen deutlich erkennbar die Handschrift des Architekten Jean Kraemer. Auf der ehemaligen Pankeinsel schuf der Hausarchitekt der Straßenbahngesellschaft ein Ensemble aus blockhaften Baukörpern mit umlaufenden, paarweise vorgezogenen Ziegelschichten vor geklinkerten Wandvorlagen. Schmiegengesimse schließen zur Dachkante ab, erhöhen die Eleganz und Dynamik. Der rötlich-braune Klinkerton wirkt streng und lebendig zugleich. Diese Gebäude stellen, wie Klaus Konrad Weber schrieb „vielleicht das Schönste dar (…), was er (Krämer) geschaffen hat.“

Das Gebäudeensemble aus Werkstatthallen, Heizhaus, Lager- und Personalgebäuden formt den lang gezogenen, halboffenen Hof der heutigen Uferstudios. Die freie Fläche verengt sich in Richtung Badstraße zu einer schmalen, eingefassten Gasse – einer gestalteten Straße als Teil einer großen Anlage.

Steht man auf der Badstraßenbrücke und richtet den Blick auf die lange wasserseitige Front des Pankekanals, verdoppelt sich die Ansicht auf der spiegelnden Wasseroberfläche. Die straffe Anordnung der Klinkerlagen vor quer liegenden Fensterschlitzen fluchtet in die Tiefe, erzielt ein genau konstruiertes Bild von formaler Konsequenz und geometrischer Präzision.

Die gebaute Energie bündelt sich in einem niedrigen runden Turmbau, der Umformerstation an der Südspitze des Geländes. Das massive Heizhaus schließt sich an, daneben der 60 Meter hohe Schornstein. Die waagerechten Bänder legen sich um den zylindrischen Bau, verteilen sich auf der Fassade des Kesselhauses, die durch eine mächtige Fensterfront durchbrochen wird.

Auf der gegenüber liegenden Straßenseite öffnet sich der breite Hof mit dem Blick auf die Eingangsfront der zentralen Halle. Diese Tore waren groß genug für ein- und ausfahrende Doppeldecker. Zu beiden Seiten der Halle erschließen zwei tiefe Höfe das Gelände. Wer sich nach rechts wendet, passiert die schräge Enge zwischen der Halle und dem Verwaltungsgebäude,

bevor er den Hof betritt, dessen unsymmetrischer Verlauf an eine natürliche Landschaftsformation denken lässt. An den Fassaden der 20iger Jahre, am Verwaltungsgebäude mit weit überstehendem Flachdach und den Werkstätten wechseln sich horizontale Streifen aus Backstein und Kieselputz ab. Hier ist die Farbe der Backsteine heller. Die Gestaltung beruhigt und vereinheitlicht die verwinkelten Einzelbauten, gibt ihnen eine ornamentale und neusachliche Textur, die sich von der Expressivität der anderen Straßenseite deutlich unterscheidet. Eine weitere Variante der Fassadengliederung durch Gesimse aus Betonwerkstein befindet sich an der ehemaligen Holzlagerhalle. An den Brüchen im Mauerwerk ist abzulesen, wo man Kriegsschäden bis in die späten 60iger Jahre ausbesserte oder ergänzte. Die Übergänge dokumentieren das Zeitgeschehen und zeugen von der Absicht, das Bauwerk als Ganzes zu bewahren.

Trotz ihrer Verschiedenheit bilden beide Seiten der Uferstraße einen räumlichen und historischen Zusammenhang. Die Umbauten durch Jean Krämer haben dem damaligen Straßenbahnbetriebshof Gesundbrunnen auf beiden Straßenseiten eine markante, moderne Gestalt von archetypischem Charakter verliehen, die auch ein genuiner Ausdruck der Zwanziger Jahre waren. Wie eine Grundlinie durchzieht die dominante Horizontale das gesamte Ensemble. Es ging um Verkehr und Mobilität, um das Elektrische und um die Elektrische, d.h. um die Straßenbahn und um Elektrizität, welche nicht nur die nächtlichen Straßen illuminierte, sondern die gesamte Stadt antrieb und in Bewegung versetzte.

Alfred Döblin beschrieb die Veränderungen der Zeit: „Berlin ist wundervoll. Die Pferdebahnen gingen ein, über die Straßen wurden elektrische Drähte gezogen, die Stadt lag unter einem schwingenden, geladenen Netz.“ Gemeint waren nicht nur die Oberleitungen der Straßenbahn, sondern das allgemeine Lebensgefühl und die nervös aufgeladenen sozialen Beziehungen der Stadtmenschen. In die kollektive Begeisterung für den technischen Fortschritt mischt sich ein ambivalenter, bedrohlicher Unterton.

Klaus Konrad Weber klagte in seinem Beitrag über die Architektur der Straßenbahnhöfe Berlins, dass über den Umbau des Betriebshofes Gesundbrunnen durch Jean Krämer keinerlei Schrifttum vorhanden sei. Schlägt man gängige Architekturführer auf, stellt man fest, dass die Uferhallen fehlen, während die Betriebshöfe in der Müllerstraße und Königin-Elisabeth- Straße erwähnt sind. Dass über Jean Krämer so wenig bekannt war, darüber gibt die Biographie von Stanford Anderson, Karen Grunow und Carsten Krohn und besonders der Text von Inge Fernando, der Tochter von Jean Krämer, Aufschluss. Dennoch stellt sich die Frage auch heute neu: Warum hat es 100 Jahre gedauert, bis dieser Architektur eine angemessene Aufmerksamkeit zuteil wird?

Die Uferhallen sind ein Ort der Transformation. Was hier und heute passiert, ist eine andere Umwandlung von Energie. Die Produktionsstätten der Künstler sind Werkstätten für ästhetische, interdisziplinäre Prozesse, Räume des Austauschs und des Diskurses. Für die Stadtgesellschaft ist dieses pulsierende und hochproduktive Zentrum der Künste unverzichtbar. Lasst uns weiter gemeinsam für seinen Erhalt und seine Zukunft kämpfen!

 

Alfred Döblin: Hemmt oder beeinträchtigt Berlin wirklich das künstlerische Schaffen?“ In A.D.: Schriften zu Leben und Werk. Olten 1986, S.39

Klaus Konrad Weber „Betriebshöfe und Werkstätten“, S.239. „Berlin und seine Bauten“, Teil X Band B (1), 1979

Stanford Anderson, Karen Grunow, Carsten Krohn: Jean Krämer – Architekt und das Atelier von Peter Behrens, 2015, Weimar